U m für die Zukunft gewappnet zu sein, müssen Unternehmen einen ständigen Wandel durchleben und sich aktuellen Gegebenheiten anpassen. Wir sprachen mit dem Zukunftsforscher Harry Gatterer über vermeidbare Fehler, das Trendwort Digitalisierung und wie man sein Unternehmen zukunftsfit macht.

Herr Gatterer, Ihr neues Buch „Future Room“ soll Unternehmen helfen, zukunftsfit zu werden. Wie „unfit“ sind Österreichs Unternehmen derzeit?

Generalisieren ist da immer schwierig. Ich denke der Großteil der österreichischen Unternehmen ist sehr fit, aber einen wichtigen Schritt haben wir noch nicht gemacht: nämlich die Technologien und sozialen sowie ökologischen Herausforderungen zusammen zu betrachten und vernetzt zu denken. Für die Zukunft wird es von enormer Bedeutung sein, holistisch zu denken.

Warum sind viele Unternehmen nicht zukunftsfit?

Ich denke viele haben eben dieses neue Denken, ein neues Mindset, noch nicht etablieren können. Durch neue Technologien, neue soziale Strukturen und die globale Vernetzung sind viele Chancen gegeben, aber eben auch Gefahren. Man kann nur mehr schwer planen, was in 5 Jahren passieren wird, weil sich Rahmenbedingungen sehr rasch ändern können. Und eben dieses Denken – mit dem Ungewissen, mit paradoxen Zusammenhängen und Vielfalt umzugehen – gilt es zu lernen.

Was haben Unternehmen wie Schlecker, Zielpunkt oder Air Berlin falsch gemacht?

Der richtige Umgang mit einer immer komplexer werdenden Welt ist sicher zentral. Bei diesen individuellen Pleiten gab es sicher noch weitere Verfehlungen anderer Natur. Aber natürlich ist es grundsätzlich die Kunst, die Welt in ihrem Wandel verstehen zu können. Gerade das können ja die meisten Unternehmen ganz gut. Denn wenn sie nicht mehr adäquat auf Änderungen reagieren können, spüren das Unternehmen unmittelbar in ihrer Bilanz. Das ist auch das großartige an Unternehmen, sie sind ja quasi gezwungen Veränderungen zu verstehen. Denn wenn man Angebote von gestern an die Zielgruppe von morgen verkaufen will, wird man schnell merken, dass man auf dem falschen Weg ist.

Wie kann man als Unternehmer sicherstellen, dass das eigene Unternehmen zukunftsfit ist?

Ein guter Weg, den ich auch in meinem neuen Buch „Future Room“ beschreibe, ist es, eine systemische Beobachtung einzuführen. Sprich alle wesentlichen Zusammenhänge und Treiber im eigenen Unternehmen zu verstehen und zu analysieren. Also weniger operativ, sondern systemisch basierend. Man fragt sich z.B. „Welche Bereiche funktionieren ganz gut?“ oder „Worauf achten wir zu viel bzw. verschwenden sogar Ressourcen?“

Harry-Gatterer

Harry Gatterer ist Trendforscher, Buchautor und Geschäftsführer des Zukunftsinstituts (Foto: Wolf Steiner).

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass man die „richtigen“ Fragen stellen muss. Welche sind das?

Also zuerst ist es wichtig zu verstehen, dass man keine generalistischen Fragen stellen soll. Statt der Frage „Gibt es in Zukunft noch Tankstellen?“ sollte man sich eher fragen „Was tun wir, wenn es zukünftig keine Tankstellen mehr gibt?“ Man muss immer den Bezug zum eigenen Unternehmen herstellen. Als zweiten Schritt ist es wichtig, eine Frage konkret und im richtigen Kontext zu stellen. Also Fragen individualisieren und in den richtigen Kontext setzen. Durch diese Zentrierung wird rasch klar, um was es eigentlich geht.

Ein wichtiges „Buzzword“ ist das Thema Digitalisierung. Sie mögen das Wort nicht besonders. Warum?

Der Begriff wird derzeit einfach inflationär als Modewort verwendet. Das Wort „Digitalisierung“ erlaubt ja nur eine vage Vorstellung, genauso wie bspw. der Begriff „Innovation“. Häufig liest man heutzutage „aufgrund der Digitalisierung werden wir…“, was aber eigentlich gemeint war ist Rationalisierung. In „Digitalisierung“ wird zu viel hineininterpretiert, sodass der Begriff quasi eine Tarnkappe ist, mit der sich Unternehmen zukunftsfit tarnen.

Bringt die Digitalisierung in Ihren Augen mehr Chancen oder Gefahren für österreichische Unternehmen?

Kurzfristig wird Digitalisierung im Sinne von Automatisierung, künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzwerken nicht zu einem Jobsterben führen. Im Gegenteil, wir erzeugen dadurch einen ganz neuen Bedarf an Arbeitsplätzen. Österreich, das bekannt ist für gute Ausbildung und einen hohen Standard, wird davon profitieren können. Wichtig ist, dass wir unser Denken in Bezug auf die hohe Komplexität dieses Themas, darauf einstellen. Uns also darauf einlassen.

Und das macht mir im Moment ein wenig Sorge, denn aktuell habe ich eher das Gefühl wir vermeiden Komplexität, wir suchen einfache Antworten. Viele sind dieser Modernität gegenüber einfach nicht offen. Um Digitalisierung wirklich als Chance nutzen zu können, braucht es diese Offenheit aber.

Wie sehen Sie die aktuellen Rahmenbedingungen für Personen, die gerade planen ihr eigenes Unternehmen zu starten?

In den letzten Jahren ist durch eine bewusste Fokussierung auf Gründer, insbesondere auf Startups, ein sehr freundliches Klima dem Unternehmertum gegenüber entstanden. Eine gute Informationsdichte, einfache Behördengänge und ausreichend Förderungen haben gute Voraussetzungen für Gründer geschaffen. Wenn es jedoch darum geht, wie man zu Kapital kommt, sehe ich großen Verbesserungsbedarf. Hier läuft das meiste ja noch über Banken, die ja bekanntlich eher risikoavers sind. Gründer mit hohem Kapitalbedarf finden in Österreich sicher nicht die besten Rahmenbedingungen. Unter’m Strich sind die Bedingungen aber völlig OK. Viel wichtiger ist ein starker Unternehmer-Spirit der Gründer. Denn ohne den können auch die besten Bedingungen zu keinem Erfolg führen.

Autorin: Lisa Weber
Bilder: Pexels | Wolf Steiner


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